In den Anfangsjahren von ubuntuusers.de habe ich selbst etliche Wiki-Artikel geschrieben. Nicht nur technische Anleitungen, sondern auch Seiten für die Community selbst – etwa eine Anleitung zum richtigen Fragen, damit im Forum nicht zum hundertsten Mal ein „geht nicht, bitte helfen“ landet.
Hängen geblieben ist vor allem, wie schnell so eine Sammlung wächst, wenn ein paar Leute regelmäßig etwas beitragen – und wie schnell sie verstaubt, wenn nicht. Im deutschsprachigen Raum sind wir bis heute verwöhnt: Das ubuntuusers-Wiki ist in meinen Augen eine der besten Linux-Dokumentationen überhaupt.
Das offizielle Ubuntu-Wiki hatte es daneben immer etwas schwerer – eine angestaubte Optik, zwei parallele Adressen und für jeden, der mitschreiben wollte, erst einmal ein Antrag auf Launchpad. Wer hierzulande eine Lösung suchte, ist entsprechend selten dort gelandet. Jetzt bekommt es einen kompletten Neustart.
Aus zwei Wikis wird eins
Genau genommen waren es ja sogar zwei offizielle Wikis: Neben wiki.ubuntu.com gab es noch das CommunityHelpWiki unter help.ubuntu.com/community. Welches davon für welchen Inhalt zuständig war, wusste am Ende vermutlich nicht mal mehr Canonical selbst. Wer eine Seite anlegen wollte, durfte erst einmal raten.
Damit ist jetzt Schluss: Beide Altlasten werden von einem einzigen neuen Wiki abgelöst, das seit dieser Woche in Produktion ist. Unter der Haube werkelt nun MediaWiki statt MoinMoin – dieselbe Software also, die auch das Arch-Wiki und die Wikipedia antreibt.
Der Wechsel war überfällig: Die alten Wikis liefen auf einer MoinMoin-Version, die noch Python 2 voraussetzt und entsprechend seit Jahren keine Sicherheitspatches mehr bekommt. Debian ist gerade mit einer ähnlichen Migration beschäftigt, Ubuntu ist mit dem Umzug also nicht allein.

Zum Mitschreiben reicht ein Ubuntu-One-Account
Für Autoren ändert sich am meisten. Bisher musste man sich auf Launchpad um die Mitgliedschaft in einer Wiki-Editoren-Gruppe bewerben und dann auf einen Menschen warten, der einen wildfremden Antragsteller nach Gutdünken für vertrauenswürdig hält oder eben nicht. Künftig reicht ein Ubuntu-One-Account, um bestehende Seiten zu bearbeiten.
Wer neue Seiten anlegen oder geschützte Seiten anfassen will, braucht zehn Edits und einen mindestens vier Tage alten ersten Beitrag – das klassische Autoconfirmed-Modell aus der Wikipedia-Welt. Neue Mitstreiter sollen sich erst etwas Vertrauen erarbeiten, bevor sie an die heiklen Stellen dürfen.
Geschrieben wird wahlweise im visuellen Editor mit Slash-Befehlen oder im Quelltexteditor, der Syntaxhervorhebung, Linting, Live-Vorschau und Multi-Cursor mitbringt. Dazu kommen Dark Mode, eine mobiltaugliche Oberfläche, Bild-Uploads samt Galerien, automatische Spamfilter und – für die Bastler unter euch – ein sandboxed Lua-Interpreter für dynamische Templates.

50 Seiten sind noch kein Wiki
Der Haken an der Sache: Inhalte hat das neue Wiki so gut wie keine. Statt zehntausende Seiten aus zwei Jahrzehnten zu migrieren, startet Ubuntu mit rund 50 Seiten und der Ansage, dass die Community den Rest selbst nachziehen soll.
Nachvollziehbar ist das schon, denn ein guter Teil des alten Bestands war veraltet, doppelt oder schlicht Spam – und übertragen werden soll nur, was sich heute noch lohnt. Trotzdem heißt das erst einmal: Alte Lesezeichen und die Treffer eurer letzten zehn Google-Suchen laufen ins Leere.
Immerhin landet ihr dann nicht auf einer nackten 404, sondern bekommt Suchtreffer im neuen Wiki, Suchtreffer im Archiv und das Angebot, die Seite gleich selbst anzulegen. Aus der Sackgasse wird so mit etwas gutem Willen direkt ein eigener Artikel.

Der alte Bestand liegt im Archiv
Wer im Altbestand stöbern will, findet ihn als Textarchiv auf GitHub – bereits nach MediaWiki-Syntax konvertiert, was das Migrieren einzelner Seiten deutlich erleichtert –, als Tarball mit Bildern, Anhängen und Versionsgeschichte und als Web-Viewer zum lokalen oder Online-Betrieb.
Eine Warnung gibt das Team gleich mit: Der Abzug ist einige Monate alt, ganz frische Edits aus dem alten Wiki fehlen. Die Weiterleitungen von help.ubuntu.com/community sollen in den nächsten Tagen folgen, Fehler meldet ihr vorerst per Discourse an das Communications Council.

Technisch ist das ein sauberer Schnitt, und die Editoren-Hürde endlich abzuräumen war längst fällig. Ob daraus wieder eine ernstzunehmende Wissenssammlung wird, entscheidet sich aber nicht an der Software, sondern daran, ob sich genug Leute finden, die die guten alten Seiten herüberholen und nebenbei aktualisieren.
Das Arch-Wiki ist schließlich auch nicht wegen MediaWiki gut, und ubuntuusers war es auch nie. Wie seht ihr das – lohnt sich der Aufwand für das offizielle Wiki überhaupt? Finden sich heute noch ausreichend Autoren, die das Wiki mit Leben füllen? Oder ist die Ära der Distro-Wikis ohnehin vorbei?





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