Ich habe heute früh zweimal auf den Kalender geschaut. Nein, es ist nicht der 1. April, es ist der 15. Oktober. Und trotzdem hat Microsoft gestern ganz ohne Augenzwinkern Microsoft Defender für Linux-Desktops angekündigt. Für mich ist das eine kleine Erlösung: Seit fast 20 Jahren tippe ich ungeschützt auf Linux-Kisten herum, und ich lebe tatsächlich noch. Damit ist jetzt endlich Schluss.
Wobei: Ruft ihr die Ankündigung auf, dann bekommt ihr womöglich nur eine Fehlermeldung zu sehen. Gedosst? Ge-DOS-st! Ausgerechnet der Blog zum Produkt, das Angriffe erkennen und abwehren soll, liegt ziemlich flach und lädt nur sehr langsam. Ob da jemand nachgeholfen hat oder nur zu viele Linux-User ungläubig nachschauen wollten, weiß ich nicht. Ein Defender für den eigenen Webserver wäre jedenfalls ein guter Anfang.
Dabei hatte ich mich so festgelegt. Als 2015 Sophos einen kostenlosen Virenscanner für Linux brachte, habe ich noch frech geschrieben, dass ihr auch ohne Virenscanner Online-Banking betreiben dürft. Wenige Monate später habe ich im Artikel zu AVGs Datenschutzerklärung das Wort Snakeoil benutzt. Elf Jahre später muss ich mich wohl bei der Branche entschuldigen. Microsoft hat ja schließlich gesprochen.
Microsoft entdeckt den Linux-Desktop
Der eigentliche Knaller steht im ersten Satz der Ankündigung: „As more developers begin to use Linux desktops“. Microsoft selbst bestätigt also, dass immer mehr Leute Linux auf dem Desktop einsetzen. Wir Linux-User haben über das Jahr des Linux-Desktops jahrzehntelang Witze gerissen. Jetzt ruft es ausgerechnet der Konzern aus Redmond aus. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Bestätigung in einer Pressemitteilung für Sicherheitssoftware lesen würde.
Wer schon länger mitliest, der kennt die Vorgeschichte. 2009 musste Microsoft der US-Börsenaufsicht beichten, dass Linux offiziell ein Konkurrent ist. 2014 erklärte Microsoft dann, dass Linux als Server-System „falls short“. Heute verkauft der Konzern Schutzsoftware für Linux-Server und Linux-Desktops. Gandhi hatte also recht, nur die letzte Stufe hat er vergessen: Erst lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, dann verkaufen sie dir einen Virenscanner.
Was der Defender auf dem Linux-Desktop kann
Technisch ist das Ganze übrigens keine neue Software. Microsoft setzt auf denselben Agenten, den es seit einigen Jahren für Linux-Server anbietet. Der Defender erkennt dabei selbstständig, ob er auf einem Server oder einer Workstation läuft. Das ist durchaus ein Fortschritt: 2014 hat mir die Microsoft-Homepage mein Linux noch als Windows 8.1 verkauft. Heute unterscheidet Redmond immerhin schon Server von Desktop.
An Bord sind ein „Next-Gen“-Virenscanner, Endpoint Detection and Response (EDR), Schwachstellen-Management und eine Geräteinventur. Für den Ernstfall gibt es Live Response und Device Isolation. Sprich: Die Firmen-IT bekommt eine Shell auf eurem Rechner und kann ihn per Mausklick vom Netz trennen. Früher hätten wir so etwas als Fernwartungstrojaner bezeichnet und mit ClamAV gejagt. Heute heißt es Enterprise-grade Protection und kommt mit Lizenzvertrag.

Unterstützt werden RHEL, CentOS, Ubuntu, Debian, SLES, Fedora und Oracle Linux, unter Gnome, KDE oder einem anderen Desktop. Dass ein Sicherheitsprodukt ausgerechnet CentOS aufführt, das seit 2024 keine Updates mehr bekommt, hat schon einen gewissen Charme. Arch Linux fehlt dagegen auf der Liste. Ich bleibe also leider schutzlos – I use Arch, btw. Und, ganz ehrlich, auch ein bisschen erleichtert.
Für wen ist das Ganze gedacht?
Den Defender gibt es nicht als Paket im Software-Center und schon gar nicht kostenlos. Ihr braucht dafür Microsoft Defender for Endpoint Plan 2 oder eine Lizenz für Microsoft 365 E5 bzw. E7. Ein Phoronix-Leser bat im Forum, diese Marketingbegriffe doch bitte mal in normale Sprache zu übersetzen. Mache ich gerne: Für Hinz-und-Kunz-Linux ist das nichts. Und der Status ist ohnehin noch Public Preview.
Ganz ernst gemeint: Ein Argument hat Microsoft schon. Entwickler-Rechner hängen an Git-Repos, CI/CD-Pipelines und Cloud-Zugängen, wer dort einbricht, der greift nach der ganzen Lieferkette. Die eigentliche Zielgruppe sind aber Compliance-Abteilungen. Die haben nun endlich ein Häkchen, um Linux-Notebooks im Konzern zu erlauben. Ob ihr dann noch sudo benutzen dürft, steht auf einem anderen Blatt. Microsoft hat sudo ja ohnehin schon 2009 patentiert.
Die schönste Zusammenfassung lieferte ein Leser im Phoronix-Forum: „Number of viruses on Linux: 1“. In meinen Augen trifft das den Nagel auf den Kopf. Wer privat Linux nutzt, Software aus den Paketquellen installiert und nicht jedes Skript aus dem Netz blind mit Root-Rechten ausführt, der braucht weiterhin keinen Virenscanner. Daran ändert auch ein Defender nichts, der für Linux nun hauptberuflich Windows-Malware sucht.
Nur eine Pointe kann ich mir zum Schluss nicht verkneifen. Schleswig-Holstein will bis Ende 2026 Windows und Microsoft Office aus Verwaltung und Schulen werfen. Pünktlich zur Zielgeraden steht Microsoft nun mit dem passenden Defender für die neuen Linux-Rechner vor der Tür. Wer behauptet, dass man in Redmond nicht flexibel ist? Was meint ihr: Fürsorge, Telemetrie oder einfach nur gutes Geschäft?





Schreibe einen Kommentar