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Sehr geehrter Herr von Keudell, die Computer-Zeitschrift CHIP führt in ihrer aktuellen Ausgabe unter dem Titel Windows, Mac OS und Linux im Härtetest einen Vergleich verschiedener Betriebssysteme durch, der die Gemüter von Linux-Anwendern stark erregt… Leider ist der Artikel nicht direkt auf CHIP ONLINE einsehbar, doch der Burda-Verlag reicht ihn auch an seine restlichen Magazine weiter, so findet man ihn etwa auf focus.de.

Laut Impressum der CHIP sind Sie der zuständige Redakteur für die Fachgebiete „Betriebssysteme, Netzwerke, Handys und Sicherheit“ und Sie zeichnen sich auch für diesen Artikel verantwortlich, deshalb wende ich mich direkt an Sie.

Sie stellen in diesem Beitrag zahlreiche Behauptungen über Kubuntu auf (Sie reduzieren die Welt der Linux-Distributionen auf Kubuntu), die jeglicher Wahrheit entbehren. Des Weiteren haben Sie in dem Artikel zahlreiche handwerkliche Fehler begangen, die einem hauptberuflichem Journalisten nicht passieren dürfen.

Wie kommen Sie denn bitte auf die Idee, eine Alpha-Version eines sich in Entwicklung befindlichen Betriebssystem (Kubuntu Karmic Koala 9.10) aufgebohrt mit der Alpha-Version einer Desktop-Umgebung in einen Topf mit den Master-Versionen anderer Systeme zu werfen? Ich möchte zu diesem Thema gar nicht weiter argumentieren, bitte lesen sie das Blog des KDE-Entwicklers Martin Gräßlin über Ihre Fehltritte. Besonders ihre Lügen Aussagen zum Thema Update-Politik und Sicherheit sind eine wirkliche Frechheit. Wie Sie klaren Kopfes die Aussage…

Bei Mac OS X prüft – wie bei Windows 7 – ein eingebauter Update-Manager in bestimmten Zeitabschnitten auf Aktualisierungen. Unter Kubuntu muss der User selbst daran denken. […] Der Vorteil der Linux-Community: Oft gibt es schon nach Stunden den ersten Patch – der kann allerdings auch das System instabil machen.

…treffen konnten, bleibt mir völlig rätselhaft. Kubuntu, wie auch alle anderen großen Linux-Distributionen, verfügt über ein zentrales Paketmanagementsystem, über das automatisch Sicherheitsupdates für ALLE im System installierte Software installiert wird. Und das nicht nur alle paar Wochen, sondern SOFORT nach Behebung der Schwachstelle. Dabei werden die Updates sehr wohl einem breiten Feldtest unterzogen. Daran kann bspw. unter K/Ubuntu jeder Anwender teilhaben, wenn er die so genannten „proposed“-Quellen aktiviert. Auch Ihre Aussage…

Hauptangriffsziel ist und bleibt Windows, was an der breiten installierten Basis liegt. Hacker können so mit einem einzigen Virus einen Großteil der Rechner im Internet angreifen. Bei Apple und Linux sind hingegen gerade mal eine Handvoll Viren bekannt.

…zeigt von mangelnder Sachkenntnis wie auch Panikmache. Hacker hegen wenig Interesse daran Viren zu schreiben, mit denen sich möglichst viele Computer im Internet angreifen lassen. Bitte informieren sich sich über Menschen, die ein tiefgreifendes Interesse an Technologie haben, und werfen Sie sie nicht in einen Topf mit Kriminellen! In der langjährigen Geschichte von Linux konnte sich noch nie auch nur ein Virus in freier Wildbahn verbreiten. Es gab Proof-Of-Concept Linux-Viren, denen jedoch die Eigenschaft „selbstständige Verbreitung“ fehlte. Auch Ihre Aussagen zum Thema Firewall lassen mich ernsthaft über Ihre Kompetenz in Richtung Computer-Sicherheit zweifeln…

Unter Snow Leopard und Kubuntu fehlt ein solcher Service [LuI: Eine Firewall]. Apple und Linux gehen sogar noch einen fatalen Schritt weiter: Bei OS-XRechnern ist die Firewall von Haus aus deaktiviert, und wer unter Kubuntu geschützt sein will, muss je nach Distribution die Firewall sogar noch extra nachinstallieren.

Kubuntu verfügt sehr wohl über einen Paketfilter, aka Firewall. Unaufgefordert eingehende Pakete werden vom Paketfilter „iptables“ von Haus aus fallen gelassen. Dazu öffnet Kubuntu nach außen hin in der Standardinstallation keinen einzigen Port, daher ist die Installation weitere Firewall-Frontends nicht nötig. Es ist eine Schande für Ihr Magazin, dass Sie die Panikmache vor Viren und Trojanern – mittels der Sie zusammen mit Ihren Werbepartnern Symantec, F-Prot und Co. seit Jahren gute Geschäfte machen – auch auf andere Systeme übertragen. Ein Betriebssystem muss nicht von Haus aus unsicher sein, so dass man es mit Personal Firewalls und Virenscannern gegen Geld flicken müsse.

Ist das Betriebssystem auf der Platte, zieht Windows 7 an allen vorbei, denn für einen Kaltstart braucht das Redmond-OS nur 26 Sekunden […] Schlusslicht ist Kubuntu mit 43 Sekunden. Dass Windows 7 schnell startet, liegt vor allem am perfekten Cache-Management…

Dieser Vergleich macht so gut wie gar keinen Sinn, ich habe das Thema vor Tagen hier auf meinen Blog ebenfalls behandelt. Wobei ich mir dabei hoffentlich habe anmerken lassen, dass ich das Thema nicht wirklich ernst nehme. Und wissen sie was? Auf manchen Systemen bootet ein Ubuntu deutlich schneller als ein Windows 7. Damit will ich sagen, der Vergleich von Bootzeiten EINES SYSTEM ist ein sinnloser Schwanzvergleich (entschuldigen Sie bitte mein Vokabular). Wenn Sie schon Bootzeiten vergleichen wollen, dann doch bitte anhand einer größeren Auswahl von Geräten. Und heiße Luft über ein „perfektes Cache-Management“ sollten Sie als Fachmagazin gar nicht erst verbreiten, wenn sie Ihre Aussage nicht mit Fakten unterstützen können.

In der Rubrik „Performance“ heißen die Gewinner damit Windows 7 und Mac OS X. […] Die Entwickler der Linux-Community müssen hingegen noch einiges an der Geschwindigkeitsschraube drehen.

Auch hier haben Sie wieder Ihre Hausaufgaben nicht gemacht. In den von Ihnen gezeigten Screenshots sieht man, dass KDE ohne Compositing (aka Desktop-Effekte) läuft. Dies deutet darauf hin, dass der für die Grafikkarte benötigte proprietäre Grafiktreiber noch nicht von Ihnen installiert wurde. Hätten sie die aktuelle freigegebene Kubuntu-Version benutzt, dann hätte Sie ein Assistent nach der Installation sofort darauf hingewiesen. Ein paar Klicks später wäre der Treiber installiert gewesen. Mit diesem hätten Sie dann auch sofort ähnliche Performance-Werte feststellen können wie auf den anderen Systemen. Wissen sie dass manche Spielefreaks ihre 3D-Spiele unter Linux mit Wine laufen lassen, weil sie aus mehr FPS aus ihrer Karte kitzeln können? Wohl nicht…

Kubuntu bietet nur ein einfaches Backup-Tool. Ein komplettes Image des Systems oder gar Schattenkopien sind damit nicht möglich. […] Bei unserer Linux-Distribution führt ein selbst gebasteltes Mediacenter die Medien vor – es ist aber aufgrund der unausgereiften Benutzerführung kaum zu bedienen.

Hier wäre es nett, wenn Sie Dinge beim Namen nennen können. Kubuntu besitzt von Haus aus kein Media-Center. Ausgeliefert wird Amarok als Musikmanagement-Programm und Dragon Player als Medienplayer. Wussten Sie dass Amarok eine der populärsten Musikmanagement-Programmen überhaupt ist? Oft liest man in Foren, dass gerade Amarok User zu Linux gebracht hat. Eine Reihe von Mediacentern wie Moovida, MythTV oder XMBC lassen sich bei Bedarf nachinstallieren. Ebenso sieht es bei Backups aus. Via dd lassen sich von Haus aus Images ganzer Partition erstellen, wie auch automatisch inkrementelle Backups via etwa sbackup für den Laien problemlos durchführbar sind.

Alles in Allem ist Ihr Vergleich ein typisches Abbild für viele Trolle, die in Linux-Foren auftauchen. Man meint, dass man sich nach wenigen Minuten ein Urteil erlauben könne. Eine Zeitschrift, die 400.000 Exemplare pro Monat absetzt, hat die Pflicht besser zu recherchieren. Aber ein objektiver Bericht würde ja Ihren Werbepartnern nicht gefallen, daher schauen Sie lieber nicht genau hin und bilden sich nur ein oberflächliches Urteil. Schade, dass sich Ihre Leser davon wohl beeinflussen lassen werden.

Mit freundlichen Grüßen,
Christoph Langner

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113 KOMMENTARE

  1. Also ich nutze Vista, Fedora und OSX und jedes Betriebssystem hat so seine Vor- und Nachteile. Was sich Chip mit diesem Artikel jedoch erlaubt hat ist einfach unglaublich. Mir geht es gar nicht ob jetzt das eine oder andere besser waere. Mir gehts darum, dass ich von einer Fachzeitschrift mehr erwarte als lediglich Trollen auf niedrigsten Niveau.

    Als Konsequenz habe ich mein Abo jetzt gekuendigt!

  2. Schön, dass es jemand so genial auf den Punkt gebracht hat. Leider kann man die Berichterstattung der Chip wirklich nicht objektiv nennen…

  3. Schauen wir uns doch einmal die Titelseiten
    besagter Computerzeitschriften an.
    Schlagzeilen wie:
    „Was bremst Windows aus?
    Geheime Funktionen in Windows,
    wir zeigen Sie Ihnen!
    Windows-Probleme,
    wir liefern Tools die sofort helfen.
    Windows Geheim.
    20 Tricks, die Microsoft verschweigt.
    Die 20 häufigsten PC-Probleme,
    schnell und einfach gelöst.
    Problemlöser auf DVD.
    Ihr sicherstes Windows aller Zeiten
    so geht’s“ …..

    Die Reihe ist beliebig fortsetzbar.
    Ich frage mich daher, sind die MS-Programmierer
    so schlecht, unterbezahlt und nicht motiviert?
    Beherrschen sie Ihr Produkt so miserabel,
    das ein Redaktionsteam denen das Fürchten lernen muß?

    Auch die gleichen Schreiberlinge bringen
    gelegendlich schon einmal etwas über Linux
    auf’s Papier und wenn sie ganz guter Laune sind
    liegt diesem Geschreibsel auch eine LINUX-CD bei.
    Nur, diese CD ist in der Regel fehlerhaft.
    Also zu deutsch: LINUX FUNKTIONIRT NICHT!

    Fazit:
    Man haut sich selber eins ins Gesicht
    und schon hat man ein Thema für die
    kommende Ausgabe.

  4. Rolf deine Liste mit den Überschriften stimmt schon und leider sieht man solche Titel öfters in „Werbefinanzierten Zeitschriften“. Jedoch das das die Microsoft-Programmierer nichts können stimmt so nun auch nicht. Das ist eine einfache Kapitalistische Masche: Stellen wir uns mal vor: Microsoft Programmierer würden das PERFEKTE SYSTEM programmieren wo kein Fehler da ist , es nichts bzw kaum etwas zu verbessern gibt und es flüssig läuft, zumindest für ein ein ige jahre . (Was für eine UTOPIE!! 😉 😉 ). Dann hätte eine Firma wie Microsoft oder Google doch kaum eine Chance etwas neues zu programmieren bzw neue innovationen zu entwickeln, die auch die Kunden annehmen. Also bringt man ein „halb fertiges System“ auf dem Markt was ständig verbessert werden kann (oder muss ;-)). Dadurch haben Programmierer bei Microsoft immer was zu tun und sie können auf neue (hat windows zwar nicht wirklich aber ich erwähne es mal) Innovationen umsteigen. An einem perfekten System verdient man auf dauer nichts.. wieso auch!! Es kommt ja kaum mehr . etwas neues was Kunden haben wollen. Leider Gottes sehe ich dieses problem so banal. An einem halb fertigem System kann man immer verdienen weil die Kunden ständig Geld für Verbesserungen ausgeben müssen (oder wollen). Ein perfektes System kauft ein Kunde einmal und ist für lange zeit zufrieden und er muss keinen einzigen Cent ausgeben.

    • Jens, du hast ein bisschen Recht, aber auch ziemlich unrecht. Es ist wahr dass Innovationen zurückgehalten werden. Schau dir doch mal Apples neues iPad an. Wenig Speicher, keine Webcam, keine Handschrifterkennung usw… Es ist klar dass Apple erstmal ein „Basic“ iPad ausliefert, um dann nach und nach neue Modelle mit den vermissten Funktionen ausliefert. Das hat aber nichts damit zu tun, dass man ein „schlechtes“ Produkt auf den Markt bringen möchte, sondern damit dass man Gewinn erzielen will.

      //PS: Das „perfekte“ System gibt es nicht. Dazu schreiten die Möglichkeiten einfach zu schnell voran.

  5. Hi, ich weiß, ich bin hier etwas spät dran, habe aber das ganze CHIP-Drama erst jetzt entdeckt. Vorweg, ich selbst bin auch vor gut zwei Jahren von Windows auf Kubuntu umgestiegen und hab es niemals bereut.
    Aber zur Sache: Ich denke, dass sich die ganze Aufregung nicht wirklich lohnt. Es ist unterm Strich ein Zielgruppen-Problem. Wer stellt die Masse der CHIP-Käufer? Das sind Windows-User, die ein wenig herumklicken können und es vielleicht noch schaffen, ihre Spiele zu intsallieren. Die breite Käufermasse geht den Systemen gar nicht auf den Grund und erwartet von ihrem Lieblingsmagazin Artikel, die sie nachvollziehen können und verstehen, die sie nicht überfordern. Die Masse freut sich über den Beitrag, denn er gibt ihnen recht, dass sie ein überteuertes System gekauft haben, das nicht mehr kann als andere. Das wissen die meisten nicht, wollen es auch gar nicht wissen. So hält CHIP seine Schäfchen eben bei der Stange. Das ist doch das selbe wie bei der BILD. Auch hier handelt es sich um ein Zielgruppenproblem. Solange es die breite Masse an Usern/Lesern gibt, die so etwas für ihre Selbstbestätigung brauchen und haben wollen, wird es auch solche Artikel geben. Zusätzlich kann es natürlich sein, dass gewisse Systemhersteller vielleicht auch hier und da eine finanzielle Werbeausgabe dazu benutzen, um Tester dazu zu bewegen, mal hier und da nicht so genau hinzusehen. Das wird natürlich jeder abstreiten, aber mein Verstand sagt, es ist denkbar, es ist logisch, es wird passieren.

    Wir sollten uns an unserer Freiheit erfreuen, dass wir nicht mehr abhängig sind von solchen Systemen. Wir werden von machen Kreisen der Wirtschaft vielleicht als Gefahr angesehen, weil sie Open Source Konzepte immer noch nicht verstanden haben, aber was soll uns das kümmern? Lasst uns zurücklehnen und die schöne Welt der Freiheit genießen. Lasst uns tolerant gegenüber jenen sein, die Spaß daran empfinden, sich zusätzliche Paketfilter und Virenscanner zu installieren. Wenn sie sich gut dabei fühlen sollten wir die letzten sein, die ihnen das nehmen wollen. 😉

  6. Zeiitungen wie Chip sind größtenteils durch Werbung finanziert, das ist eben leider oftmals ein Manko der Glaubwürdigkeit von z.B. Chip.de. Früher war ein sehr gutes Beispiel connect mit den Handytrests…

  7. Lieber Christoph,

    vielen Dank für diese tolle Richtigstellung. Das war absolut notwendig! Ich bin zwar erst jetzt auf diesen Post gestoßen, jedoch ist es nie zu spät. Hat der Herr „Redakteur“ sich denn mal entschuldigt? Oder hat sich etwas am Verhalten des „Redakteurs“ verändert? Bekommt Chip Geld von M$ und/oder Äpfel? Der Artikel lässt ja fast darauf schliessen wenngleich der Redakteur anscheinend nur ein Hören-Sagen zu einem Artikel verarbeitet hat.

    Herzliche Grüße

    Markus aka Musix

  8. @Jens
    Mann muss aber leider auch sagen dass ein Linux System wie z.B. Ubuntu am Anfang auch nicht gerade ausgereift ist. Dass habe ich bei Ubuntu 9, 10 und jetzt auch bei 11 gemerkt.
    Ubuntu 9.04 lief bei mir nicht so gut, erst ab 9.10 lief es besser und dann nahezu perfekt, ist vielleicht bis jetzt die beste Distribution die ich genutzt habe, es hat aber est ein paar Updates gebraucht.
    Ab Ubuntu 10.04 haben aber dann die Probleme angefangen. Erst lief es überhaupt nicht. Ubuntu 10.04.1 lief zwar, aber mit Probleme (Abstürze).
    Ich habe dann bald Ubuntu 10.10 installiert, anfangs gabs auch Probleme mit Abstürze, hier und dar auch mit den einbinden von externen Festplatten, aber nach ein paar Updates, läuft es jetzt in etwa wie bei Ubuntu 9.10 und ich binn recht zufrieden.
    Ubuntu 11.04 bzw. 11.10 macht aber jetzt auch Probleme, wobei nicht so grawierend, es ist glaube ich ein Grafikchip Problem und zwar man sieht Streifen, die quer über den Desktop verlaufen. Ist zwar nicht schlimm, stört aber doch mit der Zeit.
    Trotz alle dem, würde ich sagen, dass die Probleme die ich unter Windows gehabt habe gravierender waren, bis zum kompletten Systemabsturz, deswegen habe ich von Windows nach 10 Jahre die Schanuze voll gehabt und auch komplett von der Fetsplatte verbannt und nutze nur noch Ubuntu bzw. Linux.

  9. Ich bin leider noch in der Steinzeit bei Win 7 Kürzlich hat mir Win eine Mail geschickt das mein PC für Win 10 geignet sei. Habs runtergeladen. Seit dem stürzt er mittendrin ab ein Drucker druckt nur noch grün der andere nur noch gelb. Gott sei dank hab ich noch mein Lap über das ich jetzt schreibe.

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