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Petition: Open-Source-Arbeit soll als Ehrenamt gelten – es fehlen noch rund 15.000 Stimmen

Eine Petition an den Bundestag fordert, Open-Source-Arbeit als Ehrenamt anzuerkennen, gleichrangig mit Vereinsarbeit oder Rettungsdienst. Bis zum Quorum von 30.000 Stimmen fehlt noch rund die Hälfte, und die Sammlung endet am 23. November. Unterschreibt und teilt sie, gerne auch mit Menschen, die mit Linux nichts am Hut haben.

Schräg fotografierter Bildschirm, scharf im Fokus der Zähler der Petition: 15.885 Unterschriften, darunter ein halb gefüllter Balken mit 14.867 von 30.000 für das Quorum in Deutschland.

Wer Software für alle schreibt, pflegt und übersetzt, macht das in Deutschland offiziell als Hobby. Steuerlich und förderrechtlich zählt die Arbeit an Open-Source-Projekten nicht als Ehrenamt, anders als die Arbeit im Sportverein, in der Jugendarbeit oder beim Rettungsdienst. Genau das will die Petition „Anerkennung von Open-Source-Arbeit als Ehrenamt in Deutschland“ ändern, und ich habe sie gerade unterschrieben.

Gestartet hat sie Boris Hinzer aus Erkelenz im November 2025, gerichtet ist sie an den Petitionsausschuss des Bundestags. Heute stehen 15.884 Unterschriften auf dem Zähler, für das Quorum in Deutschland zählen davon 14.866. Nötig sind 30.000. Sprich, es fehlt noch rund die Hälfte, und die Zeit wird knapp: Die Sammlung endet am 23. November 2026, also in knapp drei Wochen.

Was die Petition fordert

Die Forderung ist schnell erklärt: Open-Source-Arbeit soll als gemeinwohlorientiertes Ehrenamt anerkannt werden, gleichrangig mit Vereinsarbeit, Jugendarbeit oder Rettungsdiensten. Der Ausgangspunkt ist ein Widerspruch. Selbst der Koalitionsvertrag der Bundesregierung nennt Open Source als Baustein für digitale Souveränität. Die Menschen, die diese Software in ihrer Freizeit bauen, warten und dokumentieren, gehen dabei leer aus. Die Genossenschaft WECHANGE hat das in ihrem Interview mit Boris auf den Punkt gebracht:

Die Freiwilligen, die sie täglich bauen, gelten rechtlich nicht mal als Ehrenamtliche.

WECHANGE, Interview mit Boris Hinzer

Begründet wird das in sechs Punkten. Erstens dient Open Source nachweislich dem Gemeinwohl: Internetprotokolle, Sicherheitsbibliotheken, Gesundheits-IT oder Bildungstechnik stehen zu großen Teilen auf freiwilligen Beiträgen. Zweitens geschieht der Großteil von Entwicklung, Wartung und Dokumentation unbezahlt in der Freizeit, vergleichbar mit der Arbeit in einem gemeinnützigen Verein, nur eben digital. Drittens hängen Behörden, Schulen und Firmen davon ab.

Wie stark, haben Sicherheitslücken wie Heartbleed und Log4Shell gezeigt: Millionen Nutzer profitieren, die Verantwortung tragen oft nur eine Handvoll Freiwilliger. Viertens würde eine Anerkennung Rechtsklarheit schaffen. Fünftens leisten Freiwillige Arbeit, für die Firmen sonst hohe Stundensätze zahlen müssten. Und sechstens fördern andere Staaten freie Software längst mit Steuervorteilen und eigenen Programmen, Deutschland droht dabei zurückzufallen.

Given enough eyeballs, all bugs are shallow.

Eric S. Raymond, The Cathedral and the Bazaar

Mit diesem Satz hat Eric S. Raymond Ende der Neunziger erklärt, warum offener Code sicherer sein soll: Schauen nur genug Leute drauf, fällt jeder Fehler auf. Heartbleed hat gezeigt, wo der Haken liegt, denn die Lücke steckte rund zwei Jahre unbemerkt in OpenSSL. Randall Munroe hat das im xkcd-Comic Dependency verewigt: Die ganze digitale Infrastruktur balanciert dort auf einem winzigen Klötzchen, das irgendjemand in Nebraska seit Jahren ohne Dank pflegt.

Am konkretesten wird es beim vierten Punkt. Mit der Anerkennung könnten Projekte Aufwandsentschädigungen steuerfrei auszahlen, über die Ehrenamts- oder Übungsleiterpauschale. Gemeinnützige Projekte kämen leichter an den Status nach §52 der Abgabenordnung. Mitwirkende wären bei der Haftung besser gestellt, ähnlich wie Vereinsvorstände nach §31a BGB. Und Projekte könnten rechtssicher Kosten erstatten oder Spendenquittungen ausstellen.

Warum Boris die Petition gestartet hat

Boris betreibt eine Webagentur in Mönchengladbach und ist seit rund 20 Jahren in der TYPO3-Community aktiv, seit 2023 ehrenamtlich als Vizepräsident der TYPO3 Association. Im ausführlichen Interview bei WECHANGE erzählt er, dass er zweimal einen öffentlich-rechtlichen Radiosender gebeten hatte, zum Tag des Ehrenamts am 5. Dezember auch Open-Source-Leute zu erwähnen. Eine Antwort bekam er nie.

Also startete er eben eine Petition. Sein Kernargument bringt er im Interview auf eine Formel, die mir gut gefällt: „Open Source lebt nicht vom ‚Read-only‘, sondern vom Mitmachen.“ Freie Software steckt im Fahrkartenautomaten, in der Spielkonsole und hinter jedem Streamingdienst, meist ohne dass es jemand merkt. Die großen Tech-Konzerne verdienen prächtig daran, tragen aber vergleichsweise wenig zur Entwicklung und Finanzierung bei.

Wer lieber zuhört als liest, dem erklärt Linux Guides in einem Video, worum es bei der Petition geht und warum Open Source eure Hilfe braucht:

Linux Guides stellt die Petition für Open Source im Ehrenamt vor und erklärt, warum jede Unterschrift zählt.

Mehr als nur Code

Bei Open Source denken viele an Entwickler, die nachts Pull Requests prüfen. Drumherum ist aber eine ganze Landschaft an Initiativen gewachsen, die freie Software zu den Menschen bringt. Der DI.DAY, den der Chaos Computer Club, Marc-Uwe Kling und viele andere auf dem 39C3 angestoßen haben, lädt jeden ersten Sonntag im Monat dazu ein, einen Big-Tech-Dienst gegen eine freie Alternative zu tauschen.

Für den Umstieg gibt es fertige „Wechselrezepte“, von Firefox statt Chrome über OpenStreetMap statt Google Maps bis zu Linux statt Windows. In Repair Cafés schrauben Freiwillige nicht nur an Toastern und Fahrrädern, sondern installieren seit dem Supportende von Windows 10 im Rahmen der Aktion End of 10 auch Linux auf Rechnern, die sonst auf dem Wertstoffhof gelandet wären. Das spart Geld, Elektroschrott und so manchen Nerv.

Dazu kommen Coding Clubs wie CoderDojo oder Jugend hackt, in denen Kinder und Jugendliche mit freien Werkzeugen ihre ersten Programme schreiben, Roboter bauen oder Spiele basteln. Und es gibt die Kurse für Senioren, in denen Ehrenamtliche geduldig erklären, wie man Videoanrufe mit den Enkeln startet, ein Smartphone einrichtet oder eine verdächtige Phishing-Mail erkennt. Netzwerke wie der Digital-Kompass unterstützen solche Angebote. Ohne diese Leute stünden viele Menschen bei der Digitalisierung schlicht außen vor.

Das Kuriose daran: Wer im Repair Café hilft, kann das oft schon heute als Ehrenamt in einem gemeinnützigen Verein tun. Die Leute, die das Linux pflegen, das dort auf den alten Rechner wandert, oder die Lern-App für den Coding Club übersetzen, machen ihre Arbeit dagegen rechtlich als Privatvergnügen. Dabei hängt das eine direkt vom anderen ab, ohne die Software gäbe es nichts zu installieren.

Was ich aus meinen eigenen Artikeln kenne

Mir begegnet das Thema hier im Blog ständig. Erst im Oktober habe ich über den Hilferuf von Javad Rahmatzadeh geschrieben. Er prüft die Erweiterungen auf extensions.gnome.org, oft 4 bis 10 Stunden am Tag und unbezahlt, während die monatlichen Spenden nahe null liegen. Ohne seine Arbeit gäbe es keine geprüften GNOME-Erweiterungen, und Javad steht nach eigenen Worten kurz vor dem Burnout.

Ähnlich bei DDNSS.de: Seit 2013 betreibt Robert Niedziela den kostenlosen DynDNS-Dienst, auf den sich unzählige Heimserverchen verlassen, und sucht nun einen Nachfolger. Oder das SELFHTML-Wiki, an dem Generationen von Webentwicklern HTML gelernt haben. Es musste wegen der PHP2Shell-Lücken vom Netz, bis das Team es in vier Tagen über 19 MediaWiki-Versionen hinweg auf einen neuen Server gehoben hatte.

Auch beim Start von PlanetFOSS ist mir aufgefallen, wie viele der Quellen von Leuten stammen, die ihre Artikel in der Freizeit schreiben. Deshalb können Blogs dort inzwischen einen Link zu ihrer Spendenseite hinterlegen. Und ganz ehrlich, ich kenne die Seite auch selbst: Bevor es dieses Blog gab, habe ich als „Chrissss“ rund 38.000 Beiträge im Forum von ubuntuusers.de geschrieben und Wiki-Artikel gepflegt.

Meine Einschätzung

Klar, die Sache hat einen Haken, und den nennen auch Gegenstimmen in der Debatte zur Petition: Ein großer Teil der Beiträge zu Open Source stammt von bezahlten Entwicklern oder Freelancern. Ohne saubere Abgrenzung könnte eine Ehrenamtspauschale zum Steuerschlupfloch werden. Das sehe ich auch so, und einfach wird diese Abgrenzung nicht. Nur ist das in meinen Augen eine Aufgabe für das Gesetz, kein Grund gegen die Anerkennung.

Beim Sportverein klappt diese Trennung schließlich auch: Der Profitrainer bekommt Gehalt, der Jugendtrainer am Samstagmorgen die Übungsleiterpauschale. Warum sollte das bei einem Maintainer, der nach Feierabend Sicherheitslücken in einer Bibliothek stopft, nicht gehen? Die Petition verlangt ja kein Geld vom Staat für jede Zeile Code, sondern dieselben Spielregeln, die für anderes Engagement längst gelten.

Unterschreibt und teilt die Petition

Bis zum 23. November fehlen also noch rund 15.000 Stimmen aus Deutschland. Das klingt nach viel, ist aber machbar: Wenn jeder, der unterschrieben hat, nur zwei weitere Leute überzeugt, ist das Quorum geknackt. Erzählt es also bitte auch Menschen, die mit Linux nichts am Hut haben. Die Software, um die es geht, nutzen sie ja trotzdem jeden Tag.

// Jetzt unterschreiben

Unterschreibt die Petition bei openPetition, das Formular ist in einer Minute ausgefüllt. Teilt den Link danach auf Mastodon, Bluesky oder LinkedIn, im Familienchat oder in der Vereinsgruppe. Habt ihr Freunde im Ausland, schickt ihnen die Petitionsseite auf Englisch, Französisch oder Spanisch. Jede Stimme bringt das Quorum ein Stück näher.

Für weniger technikaffine Freunde und Verwandte gibt es außerdem ein kurzes Erklärvideo als YouTube Short. Wer im Verein, in der Firma oder an der Hochschule werben will, kann sich auf der Petitionsseite einen Abrisszettel mit QR-Code als PDF herunterladen und aushängen. Habt ihr schon unterschrieben, und kennt ihr noch weitere Initiativen, die ohne Ehrenamtliche gar nicht laufen würden?

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https://linuxundich.de/petition-open-source-arbeit-ehrenamt/ — gedruckt am 4. November 2026