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Ubuntu führt mit der kommenden Version Ubuntu „Quantal Quetzal“ 12.10 ein neues Feature ein: Mit der Suche in der Dash wird nicht nur euer Rechner und die installierten Anwendungen durchstöbert, sondern über Amazon werden auch gleich automatisch passende Treffer aus dem Angebot des Online-Kaufhauses angezeigt. Möchte man also Gimp starten, dann bekommt man unter „More suggestions“ automatisch Bücher zu Gimp empfohlen, eine Suche nach „Juli“ liefert nicht nur die lokal abgespeicherten MP3s, sondern auch gleich die Alben-Downloads von Amazon. Sinn und Zweck der Funktion ist es natürlich Einnahmen über Amazon-Affiliate-Links für Canonical zu generieren. Man kann das neue Feature nun als Nutzer von Ubuntu sehen wie man will, Patrick hat die wichtigsten Argumente in seinem Blog schon toll zusammengefasst, doch ich sehe noch ein paar weitere Probleme die hier auf uns zukommen.

Bevor man in das Thema einsteigt, sollte man die Kommentare von Mark Shuttleworth und Jono Bacon lesen, sie erklären in ihren Beiträgen wie die Unity-Shopping-Lens funktioniert und was alles im Hintergrund passiert. Nicht desto trotz kommen die Beiträge leider ein bisschen spät, vielleicht sollte man bei einer öffentlich entwickelten Distro ein bisschen vorher in der Community anklopfen und um Input bitten.

Generell ist das Timing solch wichtiger Änderungen immer eigenartig. Die neue Funktion wurde am 20.9. per Mailingliste vorgestellt. Wenn ich mir den Release Schedule von Quantal Quetzal ansehe, dann sind Feature- und UserInterface-Freeze schon lange vorbei. Es ist nicht gerade schön, wenn man solche Funktionen in letzter Minute einschiebt, während andere Killer-Features wie etwa früher ein neuer Firefox oder ein aktuelles Open-/LibreOffice gerne mal außen vor geblieben ist,

Unangemessene Inhalte

Genug des Klagens über das Vorgehen, was ist falsch an der Funktion? Abseits der von Patrick vorgestellten Argumente gibt es durchaus noch weitere fragliche Punkte, ich fange mal mit den präsentierten Inhalten an. Als langsamer Tipper und Sex-Pistols-Fan, fängt man in der Dash zu tippen an und macht nach der Eingabe von „sex“ vielleicht ein kleines Päuschen. Ich bin kein prüder Mensch, aber muss ich nun Werbung – Mark mein zwar, dass es keine sei – für Sex-Bücher und -Videos bekommen?

Sexy Suchergebnisse der Amazon-Shopping-Lens Unitys.

Noch schöner wird es natürlich bei Begriffen wie „penis“ oder „pussy“. Mark meint, dass die Funktion eben das liefert nachdem man sucht, aber vielleicht wollte ich in meiner Dash ja nach „pussy riot“ suchen und nicht nach Gummi-Muschis. Eine Pause an der falschen Stelle und schon hat man Inhalte auf dem Schirm, die man definitiv nicht haben wollte. Da Amazon meines Wissens nach keinen Safe-Mode wie Google kennt, wird man dieses Problemchen auch nicht lösen können.

Betriebsgeheimnisse

Um ein gewisses Maß an Anonymität zu garantieren frägt die Amazon-Funktion nicht direkt bei Amazon an, sondern leitet die Abfrage über einen Canonical-Server als Proxy. Amazon erfährt so nicht, wonach man sucht. Der Dienst liefert letztendlich nur die Bilder aus. Allerdings bekommt Canonical *JEDE* Suche in der Dash auf dem Silbertablett serviert.

Kann man jetzt noch einem Arzt oder Anwalt empfehlen auf Ubuntu zu setzen? Die Suche nach Dokumenten zum „Bankrott der Firma Foobar“ oder dem bösen „Tripper von Herrn Mustermann“ landet automatisch bei Canonical. Der Hinweis von Mark in solchen Fällen doch die Dash mit Super-F zu starten um nur nach Dateien und Ordnern zu suchen halte ich in diesem Fall für zynisch. Da die Option von Haus aus aktiviert wird, ist der Datenschutz bei Ubuntu nicht mehr gewährleistet.

Und auch wenn ich diese drastischeren Fälle ausklammere, Canonical sammelt über die Funktion kräftig Daten. Wer startet welches Programm wie oft? Nach was wird in der Dash gesucht? Canonical muss diese Daten nicht sammeln, aber alleine der Punkt, dass hier zig-tausend User – ohne direkte Kenntnis der Umstände – ihre Daten übermitteln, ist für mich unerträglich.

Natürlich hat man Kontakt zu Amazon

Schaut man sich den von der Funktion generierten Traffic mal ein bisschen genauer an, dann kommt man auch auf ein paar verwunderliche Details. Mark schreibt in seinem Beitrag davon, dass die Abfragen der Unity-Shopping-Lens über die Server von Canonical laufen. Das stimmt, aber nur die Suche landet dort. Die Bilder zu den Treffern werden natürlich direkt bei Amazon abgerufen.

Die Bildchen der Suchergebnisse müssen natürlicher irgendwoher geladen werden.

Um also das Beispiel von oben aufzugreifen. Amazon bekommt also sehr wohl mit, dass ich – oder besser meine IP – Interesse an *Sex* Pistols, an *Pussy* Riot oder auch an einschlägigen Titeln habe, wenn ich denn die entsprechenden Titel in den Dash eingebe.

Ah, ha, ha, ha… Staying Alive

Eigenartig finde ich es auch, dass Unity-Video-Lens permanent ein Keep-Alive an Canonical sendet. Ich vermute mal dass man hier den Kanal offenhalten möchte, um nicht die Verbindung permanent ab- und wieder aufbauen zu müssen. Nicht desto trotz  hat man also permanent einen Ping zu Ubuntu am Laufen. Wenn ich alle Anwendungen geschlossen habe, dann denke ich eigentlich dass auch mein System nichts ins Internet senden sollte.

Die Amazon-Video-Lense sendet etwa jede Minute ein Keep-Alive zu Amazon.

Was kostet mich der Start einer Anwendung?

Das ist eigentlich der Punkt, der mir am meisten aufstößt. Zuhause an der dicken DSL- oder Kabel-Internet-Leitung ist es mir eigentlich relativ egal wie groß die von meinem Rechner übertragene Datenmenge ist. Flatrates sind im kabelgebundenen Internet echte Flatrates, ohne ein eingeschränktes Datenvolumen. Doch unsere Computer und auch das Internet sind mobil geworden.

Mein Notebook verfügt über mobiles Breitband, so dass ich auch unterwegs ins Internet gehen kann. Da allerdings meine UMTS-„Flatrate“ ein Limit hat, ist es mir durchaus wichtig über UMTS so wenig Daten wie möglich zu übertragen. Da passt es mir nicht wirklich in den Kram bei Suchen in der Dash auch noch Bilder von Amazon runterzuladen.

30 KByte übertragene Datenmenge für eine Suche im Dash nach „Ferrari“.

In meinem Wireshark-Mitschnitt einer Dash-Suche nach „Ferrari“ wurden stolze 30 KByte übertragen. Über eine DSL-Leitung ist das natürlich ein Pipifax, bei einem 300 MByte umfassenden UMTS-Vertrags ist das allerdings durchaus eine Datenmenge, die relevant ist. Die von der Lens generierten Treffer sind mir keinen einzigen KByte wert, leider kann man die Funktion nicht per Schalter auf die Schnelle deaktivieren.

Fazit… Weg mit dir!

Mich betrifft Canonicals neuste Erfindung für Unity nicht, da ich sowieso mir „meinen“ Ubuntu-Desktop immer selbst zusammenstelle. Hier ein bisschen GNOME, da mal etwas aus Xfce oder dort sogar eine Prise KDE. Als Shell fahre ich die GNOME-Shell und bin auch unter Ubuntu zufrieden mit ihr. Die Ubuntu-Basis sorgt dafür, dass ich viele aktuelle Programm ohne großen Aufwand nutzen kann, wie das Standard-Setup aussieht ist mir persönlich relativ egal.

$ sudo apt-get remove unity-lens-shopping

Wer aber auf einen herkömmlichen Ubuntu-Desktop setzt, dem würde ich persönlich raten die Unity-Shopping-Lens von der Platte zu bannen. Ihr ruiniert dabei nicht euer System, Updates auf die nächste Ubuntu-Version sollten dadurch ebenfalls keinen Ärger machen und ihr seid die Amazon-Ergebnisse dann – bis zum nächsten Upgrade – für immer los.

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83 KOMMENTARE

    • Das stimmt natürlich, man hätte auch die Sache an sich killen können, aber irgendwie habe ich mich an den Mate-Desktop gewöhnt, den ich vormals von Mint schon kannte. Das mit der Seite Ubuntuusers.de ist mir auch öfters als Quelle dienlich gewesen. Aber das hat wohl auch damit zu tun, das die meisten Linux-Varianten auf Ubuntu basieren. Aber trotzdem Danke für den Hinweis! Vielleicht werde ich mich doch mal damit auseinandersetzen, oder Unity nachinstallieren. Aber das ist ja das schöne an Linux, man kann es sich so einrichten, wie man gerade mag.

      • In der Tat. Ich selbst bin seinerzeit vor Unity und der Gnome Shell zu KDE geflohen und habe es bis heute nicht bereut.

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