Wer heute Linux am PC verwendet, hat sich in der Regel bewusst dafür entschieden. Gründe dafür sind für viele gegenüber proprietären Betriebssystemen die Offenheit des Systems und die Community, die hinter der jeweiligen Distribution steckt. Im mobilen Bereich entwickelte sich allerdings über die letzten Jahre ein Quasi-Monopol von Android, das zwar im Inneren auf einem Linux-Kernel basiert, sich jedoch immer weiter vom Open-Source-Gedanken entfernt. Dass es Alternativen gibt, ist vielleicht nicht allen bekannt. Aus diesem Grund möchte ich hier meine Erfahrungen des letzten Jahres mit Sailfish OS auf dem Handy darlegen, das angetreten ist, um anders zu sein als andere, eben „unlike“.
HINWEIS: Dieser Gastartikel stammt von Boris Pohler. Er hatte mich gebeten mal ein bisschen etwas zu anderen mobilen Betriebssystemen zu schreiben. Da ich allerdings nur ein Android-Gerät besitze, hat er sich kurzerhand an den Schreibtisch gesetzt und sein Jahr mit Sailfish OS zusammengefasst. Vielen Dank!
Neben den Platzhirschen Apple und Google gibt es auf dem Markt der Smartphone-Betriebssysteme mittlerweile viele kleinere Hersteller, die sich um den Rest vom Kuchen streiten, das Google und Apple übrig lassen. Eine Firma, die seit fast genau einem Jahr ein Gerät am Markt hat, ist Jolla mit ihrem, auf Linux basierendem, Sailfish OS. Die Firma wurde im Jahre 2011 von ehemaligen Nokia-Mitarbeitern gegründet, die dort die Linux-basierten Betriebssystem Maemo und Meego mitentwickelt hatten. Nokia produzierte mit dem N900 (Maemo) und dem N9 (Meego Harmattan) zwei Smartphones, die mit neuen Ideen und einer durchdachten Oberfläche viel positive Rückmeldung erhielten.

Unter Linux-Anwendern machte sich das Smartphone viele Freunde, da das zugrunde liegende Betriebssystem der Handys ein auf Debian basierendes pures Linux war. Nachdem aber die Ausrichtung von Nokia auf Windows Phone beschlossene Sache war, tat sich für die damaligen Nokia-Mitarbeiter Jussi Hurmola und Marc Dillon durch ein Unterstützungsprogramm seitens Nokia die Möglichkeit auf, ein eigenes Unternehmen zu gründen: Jolla war geboren.
Von Maemo und Meego zu Sailfish OS und Jolla
Ihnen war klar, dass sie die Arbeit von Meego weiterführen wollten. Im Oktober 2011 wurde zu diesem Zweck das Open Source Projekt Mer gegründet, dass auf Meego basierte. Im wesentlichen handelt es sich dabei um ein Linux-Grundsystem, dessen Anwendungen entweder über das Qt-Framework oder HTML5 programmiert werden. Die Bedienung sollte dabei wie bei Meego ohne Knöpfe auskommen und über Wischgesten funktionierten — darauf gehen ich später noch ein wenig ausführlicher ein.
Im November 2013, 18 Monate nach Gründung des Projekts, wurde dann auf der Slush-Konferenz die allererste Version von Sailfish OS vorgestellt, das damals noch auf einem Nokia N950 lief. Ab Mai 2013 konnten Interessierte dann aber auch das erste eigene produzierte Jolla-Smartphone vorbestellen und bekamen damit als die ersten im November 2013 das Gerät aus Finnland geliefert. Der Preis lag ursprünglich bei 399 Euro, wurde aber inzwischen auf 349 Euro gesenkt. Aktuell lässt sich das Gerät während der „Cyber-Week“ sogar für 249 Euro bestellen.
Die Bedienung von Sailfish OS unterscheidet sich insofern grundlegend von iOS und Android, dass Wischgesten nicht nur innerhalb der Anwendungen vorgesehen sind, sondern auch die gesamte Oberfläche steuern. So benötigt ihr keine Knöpfe, die euch vor oder zurück navigieren lassen, ihr wischt mit dem Finger die Anwendung einfach zur Seite und landet wieder in der Anwendungsübersicht. Wer sich einen Überblick verschaffen will, wie die Bedienung grundsätzlich aussieht, kann sich die kurzen Howtos auf dem Jolla-Youtube-Account angucken oder einen der vielen Reviews auf youtube verfolgen.
Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase fällt die Bedienung im Alltag mit Sailfish OS wirklich leicht. Das merkt man vor allem daran, wenn man später einmal wieder ein Gerät mit Android oder iOS in die Hand nimmt und die im Vergleich umständliche Bedienung verwenden muss. Durch die Wischgesten könnt ihr Sailfish OS in der Regel mit einer Hand bedienen und müsst aufgrund haptischer Rückmeldungen oft nicht einmal zwingend aufs Display schauen.








Zusätzlich zur innovativen Bedienung lässt sich die komplette Farbgebung des Betriebssystem durch sogenannte Ambiences festlegen. Dazu werden aus dem gewählten Hintergrundbild die Hauptfarben bestimmt und die Farben des Anwendungstext dahingehend angepasst. Dadurch könnt ihr zum Beispiel durch selbst geschossene Fotos ganz schnell und bequem das Look&Feel des gesammten Jolla-Smartphones ändern.
Android-Apps laufen auf auch unter Sailfish OS
Was ist mit Apps? Android und iOS punktet ja unter anderem besonders mit der großen Auswahl von Anwendungen. Hier hat Jolla mitgedacht und bietet in Sailfish OS die Möglichkeit, Android-Apps starten zu können. Auf dem Gerät selbst ist der Android-Store von Yandex vorinstalliert, es lassen sich aber ohne Probleme alternative Stores wie Aptoide oder F-Droid installieren, selbst der Google-Play-Store kann installiert werden. Ich persönlich lade mir aber lieber die apk z.B. mit Racoon auf den PC und schiebe sie dann per SSH auf das Jolla. Dort lassen sie sich dann bequem über den Jolla eigenen Filemanager installieren.
Die häufigsten Anwendungsfälle (Mail, Kalender, Browser, Bilder, Wetter, Dokumente, Medienplayer) lassen sich aber durch Anwendungen abdecken, die extra für Sailfish OS programmiert worden sind. Neben dem offiziellen Jolla-Store gibt es auch mit Openrepos eine Alternative, die auch schon für das N9 genutzt werden konnte. Dort findet ihr unter anderem einen Whatsapp-Client für Sailfish OS sowie alternative Browser oder Medienplayer. Über die Sailfish-App Warehouse lassen sich die Anwendungen bequem über die einzelnen Repositories installieren und aktuell halten.



Zusätzlich hat Jolla eine sehr einfache Möglichkeit geschaffen, dem User Root-Rechte zu geben. Dazu muss nur der Entwicklermodus aktiviert werden. Dieser liefert euch dann neben einer Terminalanwendung auf dem Gerät auch einen SSH-Zugang, so dass ihr euch über einen Desktop-PC einloggen könnt und sich Linux-Anwender direkt heimisch fühlen. Wer des Programmierens mächtig ist, kann so auch über das auf dem PC installierte SDK-Anwendungen direkt auf dem Gerät testen.
Das Jolla-Phone über die „Other Half“ aufrüsten
Neben der Softwareseite setzt Jolla aber auch neue Ideen für die Hardware um. So ist etwa der abnehmbare Deckel auf der Rückseite des Smartphones nicht dumm. Die sogenannte „The other half“ (kurz TOH), kann über NFC mit dem Gerät kommunizieren. So lassen sich alternative Rückseiten mit zusätzlicher Funktionalität herstellen, die von einer simplen Änderung des Ambience beim Wechsel einer TOH, bis zu größeren Hardware-Erweiterungen reichen können.

Jolla bietet dafür ein professionelles TOH Developer Kit an, mit dem sich eigene Kreationen entwickeln lassen. Auf Kickstarter ist gerade eben erst eine Erweiterung mit Hardware-Tastatur zu Ende gegangen, die ihr Crowd-Funding-Ziel locker erreicht hat. Auf der Seite der Betreiber findet ihr noch diverse weitere Projekte — wie zum Beispiel eine Solar-TOH, die das Jolla-Handy über eine Reihe von integrierten Solarzellen aufladen kann.
Quellcode lässt sehr lange auf sich warten
Natürlich gibt es wie bei jedem großen Projekt auch Probleme. Jolla suggeriert auf der Internetseite, dass sie eine offene Plattform sind und Open-Source-Software verwenden. Das ist soweit auch richtig, es wird aber verschwiegen, dass Teile des Systems (hauptsächlich das UI und Jolla-Anwendungen) noch geschlossen sind. Jolla hat zwar angekündigt, dass sie überlegen, wann und in welcher Form der restliche Quellcode offen gelegt wird, eine definitive Antwort gibt es aber nicht. Dies wird zurecht von vielen Usern kritisiert. Ein Anfang wurde gemacht, indem Jolla vor ein paar Wochen den Quelltext des Internetbrowsers offengelegt hat. Ich hoffe, dass weitere Programme folgen.
Zu Beginn des Projekts gab es zudem eine paar Probleme mit der Hardware. So taten der Akku und auch der SIM-Kartenslot nicht zuverlässig — die Probleme sind aber inzwischen behoben. Von der Qualität würde ich das Jolla Smartphone als gehobenen Durchschnitt bezeichnen.
Ebenfalls zu bemängeln ist die im Vergleich zu anderen Plattformen geringe Auswahl an Anwendungen, was aber in der Natur der Sache liegt, da Jolla eben noch jung und das OS noch nicht weit verbreitet ist. So fehlt mir etwa eine Navigationssoftware oder eine brauchbare Anwendung für ownCloud (es ist aber eine in der Entwicklung). Zur Not behelfe ich mir im Moment mit den Android-Apps (zum Beispiel funktioniert Nokia Here wunderbar) — vom vom Look&Feel unterscheiden sich die Android-Anwendungen unter Sailfish OS doch aber deutlich. Ich hoffe, dass mit der Zeit noch mehr native Sailfish-Programme erscheinen.
Warum sollte man dem Jolla eine Chance geben?
Von den vorhandenen Plattformen ist man bei Jolla und Sailfish OS am ehesten an einem offenen System, wie man es vom Desktop-Linux gewöhnt ist. Auch wenn die Plattform nicht vollständig offen liegt, ist das schon ein Weg in die richtige Richtung, den man unterstützen sollte. Das Smartphone funktioniert problemlos im Alltag und verrichtet seinen Dienst. Jolla liefert fast monatlich Updates, die Bugs beheben und zusätzliche Funktionalitäten bringen — welcher Android-Besitzer kann das schon von seinem OS behaupten? Die Firma sitzt in Europa und ist somit nicht in den USA beheimatet, was nach Snowden ein nicht zu unterschätzender Faktor sein sollte.
Daneben arbeitet Jolla sehr stark mit der Community zusammen und hat nach ihrem Motto DIT (Do it together) eine eigene Seite ins Netz gestellt, wo mit Jolla-Mitarbeiten diskutiert werden kann. Hat man ein Problem, findet man dort in der Regel eine Lösung. Hat man einen Vorschlag zur Verbesserung, kann er dort mitgeteilt werden. Die Community-Mitglieder können über Vorschläge abstimmen und Jolla so das allgemeine Interesse bekunden. Daneben gibt es mit dem „alten“ Nokia-Forum eine alternative Anlaufadresse, wenn einmal Fragen und Probleme auftreten. Wer es lieber auf Deutsch mag, findet etwa auf opensmartpad.org eine deutschsprachige Anlaufstelle. Die Community ist vielleicht nicht so groß wie bei Android, aber dafür hilfsbereit und kompetent.
Last but not least: Wer wie ich gerne ein wenig selbst programmiert, ist mit C++/QML beziehungsweise Python/QML bei Sailfish OS gut aufgehoben und kann eigentlich sofort loslegen — ohne dass dafür große Registrierungsformalitäten vonnöten wären.
Fazit: Sailfish OS und das Jolla-Phone im Test
Insgesamt ist Jolla auf einem guten Weg. Das Ziel des Unternehmens ist nicht die Weltherrschaft in Sachen Mobile-OS. Die Firma will mit ihrer 130 Mann/Frau-Besatzung ein kleines Stück des Smartphones-Kuchens abhaben, um davon leben zu können und ihren Traum von einem freien, linux-basierten mobilen Betriebssystem weiterleben zu können. Ich persönlich werde sie dabei weiter unterstützen!
Wer ein Android-Gerät der Nexus-Reihe besitzt und nicht davor zurückschreckt auch einmal alternative ROMs zu installieren, kann Sailfish OS auch direkt auf seinem Gerät ausprobieren. Auf folgender Seite findet man eine Auflistung über die bisher unterstützen Geräte mit Links zu den Installationsanleitungen. Die Installation von Sailfish OS ist zum Beispiel auf einem Galaxy Nexus und seinen Nachfolgern Nexus 4 und Nexus 5 möglich. Probleme gibt es bei diesen Geräten meist mit dem GPS-Modul und der Kamera, die restliche Hardware wird jedoch unterstützt.
Zum Abschluss möchte ich euch darauf hinweisen, dass es nicht beim Jolla-Phone bleiben wird. Gerade eben erst im November hat Jolla auf der Slush 2014 angekündigt, dass es in Zukunft neben dem Smartphone auch ein Tablet mit Sailfish IS geben wird. Das Tablet wird über eine Indiegogo-Crowdfunding-Aktion finanziert. Wer die Aktion noch innerhalb der nächsten 4 Tage unterstützt, der bekommt das Jolla-Tablet für 209 US-Dollar. Später wird das Gerät einmal 249 Dollar kosten. Die ursprünglich anvisierten 380.000 US-Dollar hat Jolla dabei schon locker geschafft, inzwischen steht die Kampagne bei 1,5 Millionen Dollar — Da soll noch mal einer sagen, dass sich keiner für Sailfish OS interessieren würde.


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