Blogs haben ein generelles, strukturelles Problem: Man muss sie selbst aktiv lesen. Kein Algorithmus entscheidet, welcher Beitrag gerade interessant sein könnte. Wer als Blogger keine Lust auf das Social-Media-Game hat, muss darauf hoffen, dass Google ein paar Leser aufs Blog spült. Und wer einen Blog entdecken möchte, muss ihn erst einmal finden. Genau dabei helfen seit jeher Links, Empfehlungen und andere Blogger.
Heute Morgen bin ich am Frühstückstisch eher zufällig über eine Initiative gestolpert, die mir spontan gefallen hat: die BlogWochen 2026. Vom 15. September bis zum 15. Dezember soll dabei wieder etwas mehr gebloggt, verlinkt und aufeinander verwiesen werden. Eine Initiative, die gut zu Linux und Ich passt, denn auch hier ist es in den vergangenen Jahren etwas stiller geworden – ganz anders als noch rund um die 2010er-Jahre.
Einfach wieder etwas schreiben
Hinter den BlogWochen stehen Dirk Deimeke, Robert Lender und Benedikt Müller. Ihr Ansatz ist angenehm unkompliziert: Es gibt Themenvorschläge, aber keinen Redaktionsplan, keine vorgeschriebene Anzahl an Beiträgen und auch keinen Wettbewerb um besonders fleißige Blogger.

Fünf Themen stehen dieses Jahr zur Auswahl. Man kann ein wenig bekanntes Blog vorstellen, einen interessanten Ort beschreiben oder eine andere bloggende Person interviewen. Außerdem geht es um Menschen oder Projekte, die mehr Aufmerksamkeit verdienen, sowie um das durchaus offene Thema „Wir scheitern jedes Jahr ein wenig anders“.
Was daraus entsteht, bleibt jedem selbst überlassen. Genau das gefällt mir an der Aktion. Sie versucht nicht, das Bloggen mit irgendwelchen Regeln wieder groß zu machen, sondern schafft lediglich einen Anlass, sich hinzusetzen und einen neuen Beitrag zu schreiben.
Das Web war einmal anders
Dabei geht es für mich gar nicht unbedingt darum, möglichst viele neue Artikel zu produzieren. Interessanter finde ich den sozialen Aspekt dahinter. Blogs funktionieren schließlich besonders gut, wenn sie nicht isoliert nebeneinander existieren, sondern aufeinander verweisen und ihre Leser gegenseitig weiterschicken.
Heute übernehmen solche Aufgaben meistens soziale Netzwerke und deren Empfehlungsalgorithmen. Früher war das anders. Man stolperte über einen Link, landete auf einem unbekannten Blog und fand dort vielleicht gleich weitere interessante Seiten. So wuchs der eigene Feedreader langsam, aber ziemlich zuverlässig.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum mir die BlogWochen sympathisch sind. Die Aktion bringt nicht nur neue Texte zusammen, sondern kann nebenbei wieder ein paar Verbindungen zwischen Blogs schaffen, die sonst vielleicht nie voneinander erfahren hätten.
Und dann gab es Blogstöckchen
Falls jemand diese Internet-Steinzeit nicht mehr miterlebt hat: Ein Blogger beantwortete einige Fragen, ergänzte vielleicht noch eigene und warf das Ganze anschließend anderen Bloggern zu. Diese konnten mitmachen, mussten aber natürlich nicht. Heute würde man vermutlich von einem viralen Mitmachformat sprechen.
Ich habe diesen Unsinn selbstverständlich ebenfalls mitgemacht. Im August 2011 startete ich hier auf Linux und Ich das Blogstöckchen Darum mag ich: Foobar!. Die Teilnehmer sollten ein Linux-Programm vorstellen, das sie besonders gerne benutzen, und dabei eine interessante Funktion herausgreifen.

Mein eigener Beitrag drehte sich damals um Totem, den Videoplayer aus der GNOME-Welt. Anschließend sollte das Stöckchen weiterziehen. Und tatsächlich funktionierte das Prinzip noch genauso, wie es gedacht war: Andere Blogger griffen die Idee auf und schrieben ihre eigenen Beiträge dazu.
Einen dieser Rückverweise gibt es beispielsweise noch heute. Benjamin Marwell schrieb am 28. August 2011 über MuseScore und erwähnte dabei ausdrücklich, dass das Stöckchen von mir gestartet worden war. Anschließend schickte auch er es weiter. Auch bei Dirk, einem der Initiatoren der BlogWochen 2026, findet sich das Stöckchen noch. Bei ihm ging es um SoX.


Vernetzung ohne Algorithmus
Aus heutiger Perspektive wirken solche Blogstöckchen wahrscheinlich ein wenig skurril. Dennoch bleibt die Idee interessant und relevant: Die Vernetzung entstand direkt zwischen den Menschen, die Blogs betrieben. Es brauchte keine Plattform, die anschließend berechnete, wem welcher Beitrag angezeigt werden sollte.
Natürlich war die damalige Blogosphäre keineswegs besser als das heutige Internet. Auch 2011 gab es schlechte Beiträge, verwaiste Blogs und Webseiten, die irgendwann einfach verschwanden. Aber die vielen kleinen Verbindungen machten es leichter, zufällig auf interessante Menschen und Themen zu stoßen.
Die BlogWochen sind nun sicher kein Versuch, diese Zeit zurückzuholen. Das wäre ohnehin ziemlich unrealistisch. Aber vielleicht braucht es manchmal gar nicht mehr als einen kleinen Anlass, damit jemand nach längerer Pause wieder einen Artikel veröffentlicht oder ein anderes Blog entdeckt. Ich will mich da gar nicht davon ausnehmen.
Mitmachen oder einfach lesen
Neben den Themen gibt es noch ein Überraschungsinterview. Wer daran teilnehmen möchte, kann sich bis zum 1. Oktober anmelden. Anfang November werden Interviewpaare zusammengestellt, die sich anschließend gegenseitig Fragen stellen. Wie das Gespräch stattfindet und veröffentlicht wird, entscheiden die Beteiligten.
Am 13. November ist außerdem ein gemeinsamer Blogkommentiertag geplant. Das finde ich fast genauso interessant wie die eigentlichen Themen. Denn ein Kommentar macht einem Blogger unmittelbar klar, dass am anderen Ende tatsächlich jemand gelesen, nachgedacht und sich die Zeit für eine Antwort genommen hat.
Die Beiträge zur Aktion werden in einer gemeinsamen Linksammlung gesammelt. Außerdem gibt es einen RSS-Feed, über den sich neue Veröffentlichungen verfolgen lassen. Im Fediverse findet man die BlogWochen unter dem Hashtag #BlogWochen2026. Am 15. Dezember gibt es schließlich ein gemeinsames Online-Treffen.
Ich werde mir die Aktion jedenfalls einmal anschauen. Nicht unbedingt mit dem Vorsatz, jetzt fünf Beiträge bis Dezember zu produzieren. Aber vielleicht fällt mir ja ein Thema ein, über das ich hier schon lange einmal wieder schreiben wollte.
Und wenn dabei nebenbei ein paar alte Blogkontakte wieder auftauchen oder ich neue Blogs entdecke, wäre das vermutlich genau der Effekt, den ich mir von solchen Aktionen wünsche. Ganz ohne Algorithmus, ganz ohne Reichweitenstrategie und vielleicht ein kleines bisschen wie damals.


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