Zur Einleitung des Artikels stelle ich Euch und mir die Frage: Warum arbeitet Ihr/arbeitet ich mit Linux? Ist es das System an sich? Ist Linux besser als andere Betriebssysteme? Weil Linux nichts kostet? Sind es die Communitys? Mein primärer Grund Linux zu verwenden lautet:
Ich arbeite seit Jahren mit Linux. Nicht weil ich für meine bevorzugte Distribution nichts bezahle, nicht weil ich meine meistgenutzen Programme kostenlos installieren kann, nicht weil ich Linux für das perfekte Betriebssystem halte. Ich arbeite mit Linux weil Linux FOSS ist. GNU/Linux ist freie und quelloffene Software!
Warum dieses Statement und warum diese Frage? Ich sehe diese in der Welt von GNU/Linux tief verankerte Kultur der freien Software durch die Kommerzialisierung der Paketverwaltung durch Software-Shops, so wie sie etwa Canonical plant in Gefahr. Starker Tobak oder reiner Unfug?
Wie komme ich auf diese Idee? Ich besitze ein so genanntes Android-Handy. Android basiert auf dem Linux-Kernel. Dieser bildet zusammen mit einer Reihe von Bibliotheken und Toolkits das Betriebssystem Android für Handys.
Mit dabei ist ein Software-Shop (genannt Market) in dem es mittlerweile mehr als 10000 Programme gibt. Schaue ich mir die Lizenzen, der von mir installierten Programme (Stand 10.09.09) an, so sieht es für FOSS schwarz aus…
- FOSS
- PhotSpot (Apache License 2.0)
- Freeware/Donate
- SIM Checker (Optional gibt es eine „Spenden“-Version)
- Usefull Switchers (Optional gab es eine „Spenden“-Version)
- ASTRO File Manager (deklariert als Beta, läuft bis 31. Oktober)
- My Tracks (Status unklar, Lizenz nicht zu finden)
- Affiliate-Programme/Werbung
- Shazam
- Backgrounds
- Barcode Scanner
- TV-Guide Germany
- aTrackDog
- Proprietär und von Communitys getragen
- Qype
- Last.fm
- Kostenpflichtig
- TouchPal
Gerade einmal ein quelloffenes Programm hat sich auf mein Android-Handy geschlichen! Bin ich ein Einzelfall? Nein, der Großteil – und so gut wie alle anderen populären Programme für Android – sind Closed Source. Von den via aTrackDog ermittelten hundert beliebtesten Applikationen für Android sind gerade einmal fünf freie Software (gezählt am 10.09.09). Freie Software muss man also bei Android mit der Lupe suchen und wird auch nicht extra beworben. Der Market unterscheidet nur zwischen kostenpflichtig und kostenlos.
Warum nun Schimpfen? Praktisch alle der von mir installieren Programme sind kostenlos, da durch Werbung finanziert, Ableger von Communitys oder Freeware! Ist doch schön, wenn man für Programme nichts bezahlen muss…
Freeware ist in meinen Augen eine Einbahnstraße. Der Entwickler einer Software stellt seine Software kostenlos zur Verfügung, vom Anwender erhält er nur immaterielle Güter wie 1-5 Sternchen als Bewertung und einen einzeiligen Kommentar. Bugtracker oder Communitys rund um das Projekt finden sich so gut wie nie. Und wenn ein Entwickler den Erfolg seiner Freeware bemerkt, dann geschieht womöglich das…

… Ihr seht einen Screenshot des auf dem Android sehr populären Programms „Useful Switchers“, so gut wie jeder Android-Besitzer dürfte das Programm installiert haben. Bis vor kurzem war das Programm in einer kostenlosen und einer „Spenden“-Version zu haben. Nun gab es ein Update in dem laut Changelog ein Bug geschlossen wurde. Die Lizenzänderung lies der Autor unter den Tisch fallen. Beim ersten Start bekommt man jetzt gesagt, dass das Programm kostenpflichtig wird und die installierte Version nur noch ein paar Tage ausführbar wäre. (Mittlerweile hat der Autor die kostenfreie Version wieder veröffentlicht, entwickelt jedoch nur noch an einer kostenpflichtigen 2.0 Version weiter.)
Klar, das ist jetzt ein Einzelfall und ein schlechtes Vorbild wie man mit seinen „Kunden“ umgehen sollte, aber genau diese Unkultur hat mich schon vor Jahren von Windows vertrieben. Freeware ist in meinen Augen ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite
Ich sehe die reale Gefahr, dass Linux App-Stores sich ähnlich entwickeln KÖNNTEN wie der Android-Market oder der iPhone App-Store. Lauter kleine Ein-Euro-Programme, lieblos zusammengeschrieben und auf den Markt geworfen. Ein paar Euro wird das Programm schon einbringen…
Nicht dass ich Entwicklern keine Einnahmen gönne würde, doch Anwendungen für 99 Cent pro Installation werden keinen Menschen langfristig ernähren. Die Anwendung wird ihre „Fünf Minuten Ruhm“ haben, eine Weile lang benutzt werden und dann inklusive ihrem Quellcode im Orkus der Geschichte verschwinden. GNU/Linux ist damit letztendlich nicht geholfen und letztendlich sehe ich Linux in der Freeware-Falle.
Da dieser Beitrag sehr lang ist nutze ich den WordPress-Tag <!– nextpage –> um ihn auf mehrere Seiten zu verteilen. Leider wird der Feed dabei von WordPress abgeschnitten. Weiter geht es auf meinem Blog…
Ich bin kein Programmierer, daher meine ich dass bei solch einem Beitrag auch ein Entwickler zu Wort kommen sollte. Meine Wahl für ein kurzes Interview fiel auf Mario Kemper. Er entwickelt das mittlerweile recht beliebte Screenshot-Programm Shutter. Gäbe es einen kommerziellen Linux Software-Shop im Stile eines Android-Markets, so wäre Shutter in meinen Augen ein klassischer Fall für Freeware oder eine 1-2 Euro Anwendung. Daher finde ich es gut Mario zu Wort kommen zu lassen…
LuI:Was motiviert dich dazu Shutter unter der GPL zu veröffentlichen?
MK: Hier muss ich etwas weiter ausholen… Ich habe mit den Arbeiten an Shutter begonnen, weil ich persönlich den Bedarf hatte. Ich habe einen Nebenjob angetreten in der Qualitätssicherung eines Software Unternehmens hier in Köln. Ich war überrascht, dass hier jeder das Betriebssystem einsetzen konnte, was er persönlich bevorzugt und habe dann direkt in den ersten Tagen Ubuntu installiert (Ich war damit einer der ersten). In den folgenden Tagen habe ich dann feststellen müssen, dass die Screenshot-Programme, die damals zur Verfügung standen nicht wirklich das boten, was ich haben wollte. Am besten gefiel mir scrot, aber da ich nicht ständig mit dem Terminal arbeiten wollte und in der Uni gerade einen Perl-Kurs hinter mir hatte, habe ich mich entschlossen eine GUI für scrot zu schreiben (mit gtk2-perl). Einige meiner Kollegen, die auch Linux verwendeten, waren natürlich interessiert und durch das zunehmende Interesse war ich immer mehr motiviert. Angespornt von dem positiven Feedback habe ich GScrot dann im ubuntuusers.de Forum angekündigt… Erst dann habe ich darüber nachgedacht, dass ich vielleicht auch eine Lizenz auswählen sollte. Kommerzielle Ziele habe ich nie gehabt (und auch heute nicht) und mich dann einfach für die GPL in der aktuellsten Version (v3) entschieden. Ich habe dieses Programm ja schließlich nur für mich geschrieben und es noch jemand gebrauchen könnte…Gut!
Es war allerdings nicht so, dass ich verschiedene Lizenzen verglichen hätte ich mich dann explizit für eine entschieden hätte. Ich kannte die GPL und ich wusste, dass die GPL in der Open-Source Szene anerkannt ist. Ich wollte ja, dass ziemlich viele Leute GScrot/Shutter mögen und benutzen…Closed-Source Programme müssen schon überragend gut (oder einzigartig) sein, um von der Community angenommen zu werden.
LuI:Profitiert Shutter davon unter der GPL zu stehen?
MK: In erster Linie ist es die Akzeptanz, die man durch die GPL erreicht. Kein User wird die GPL als Grund angeben, ein Programm nicht benutzen zu wollen. Das Image ist, meiner Meinung nach, hier wirklich wichtig. Man schaue sich nur die Vorurteile gegenüber Mono an. Hier gibt es genügend User, die ein Programm nicht benutzen wollen, wenn es mit Mono geschrieben wurde!
Gleichzeitig geht man natürlich davon aus, dass auch weitere Entwickler durch die Öffnung des Quellcodes angezogen werden. Im Fall von Shutter ist das allerdings nicht wirklich der Fall, aber die Gründe liegen hier sicherlich nicht bei der Verwendung der GPL. Ein Screenshot-Programm ist für viele Entwickler nicht wirklich das aufregendste, was man sich vorstellen kann. Die Anzahl der User, die ein guten Screenshot-Programm benötigen, ist relativ gesehen eher gering (zum Beispiel im Vergleich zu einer Musikverwaltung oder einem Video-Player). Auch ist mit Perl eine Sprache ausgewählt worden, die nicht gerade „hipp“ ist (vor allem auf dem Desktop). Python-Programmierer gibt es anscheinend wie Sand am Meer.
LuI: Hätte sich das Programm langsamer verbreitet, wenn es Freeware wäre?
MK: Ich glaube ja. Das liegt aber wohl eher an der bereits angesprochenen Akzeptanz innerhalb der Community. Viele würden Shutter dann schon per se ablehnen. In der Windows Welt machen sich darüber weniger User Gedanken.
LuI: Könntest du dir vorstellen Shutter als „99 Cent Programm“ zu verkaufen, wenn es einen kommerziellen App-Store wie beim iPhone oder Android gäbe, über den du bequem den Verkauf des Programms managen könntest?
MK:Vorstellen könnte ich mir das grundsätzlich schon, aber unter etwas anderen Voraussetzungen. Shutter würde natürlich weiterhin quelloffen bleiben und ich würde die 99 Cent eher als optionale Spende ansehen. Ich nehme ja auch Spenden via PayPal an, aber das nutzen wirklich nur ganz, ganz wenige User. Für die meisten scheint PayPal einfach zu kompliziert (Kreditkarte etc.) und deshalb nicht nutzbar. Wenn ein App-Store eine sehr einfache Möglichkeit bieten würde, Spenden an ein Projekt zu richten, dann wären sicherlich mehr User bereit dazu.
Ich möchte, aber noch einmal deutlich sagen, dass ich mich nicht an Shutter bereichern möchte und mir die meisten App-Stores ein Graus sind, da hier oft mit trivialer Software viel Geld verdient wird.
Eine wirklich einfache, vertrauenswürdige Möglichkeit ein Projekt zu unterstützen würde ich aber begrüßen. Die Zeit, die Shutter in Anspruch nimmt, ist wirklich enorm. Das positive (nicht monetäre) Feedback aus der Community hilft aber fast immer, um mich wieder zu motivieren 😉
Letztendlich möchte ich Mario beipflichten. Einen App-Store im Stile des Android-Markets oder Apples App-Store braucht Linux in meinen Augen nicht. Ich bin der Meinung dass solch ein App-Store sehr behutsam umgesetzt werden müsste.
Ich fände es positiv wenn über einen zentralen Store ein Photoshop für Linux installiert und bezahlt werden könnte (wenn es denn irgendwann mal einen gäbe), oder große/bekannte kostenlose Programme wie Google Earth, Skype oder der Adobe Reader ohne das zusätzliche Hinzufügen von Quellen installierbar wären.
Ideal wäre es, wenn über den Store Spenden an das jeweilige Software-Projekt ohne Umweg über das Gebührenmonster Paypal erfolgen könnten. Aber ob man gleich jedem Autor von Freeware über eine prominent platzierte Plattform Tür- und Tor in die Linux-Welt öffnen muss? Ich persönlich halte das für bedenklich und mittelfristig auch für kontraproduktiv.
Noch sind die Pläne für den Ubuntu Software Store alles andere als in Beton gegossen. Nichteinmal der Name steht fest und viele Fragen, die ich hier aufwerfe stehen nicht in den Spezifikationen, die Canonical bislang veröffentlicht hat. Von daher soll dieser Beitrag die Pläne von Canonical nicht verteufeln, sondern nur ein bisschen zum Denken anregen 🙂




![[UPDATE] Unwetter im Anzug: Canonical entfernt Amazon-Store aus Banshee](https://linuxundich.de/wp-content/uploads/2011/02/banshee_amazon.jpg)
Schreibe einen Kommentar